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Pflege und Gesundheit sind die Gewinnerbranchen im Revier

Kickoff-Kongress der „Ruhrgebietskonferenz Pflege“ zeigt, was Pflege im Ruhrgebiet heute schon kann – BAGSO-Chef Müntefering sagt Unterstützung zu

Gelsenkirchen/Ruhrgebiet, im April 2019. 40 Pflegeunternehmen aus dem Ruhrgebiet mit mehr als 20.000 Beschäftigten haben sich inner-halb weniger Wochen zu einer „Ruhrgebietskonferenz Pflege“ mit Sitz in Gelsenkirchen zusammengeschlossen. 150 Entscheider und Multi-plikatoren trafen sich Anfang April zur Kickoff-Konferenz der Arbeit-geberinitiative. Den Impulsvortrag sprach der ehemalige Vizekanzler und Bundesarbeitsminister Franz Müntefering, heute Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisaationen (BAGSO) und des Arbeiter-Samariterbundes Deutschland.

„Der enorme Zuspruch zeigt, dass wir mit der Gründung der Ruhrgebietskonferenz Pflege eine Stimmung getroffen haben“, sagten die drei Sprecher des Netzwerks, Silke Gerling (Diakoniewerk Essen), Ulrich Christofczik (Ev. Christopheruswerk e.V., Duisburg) und Claudius Hasenau (APD Ambulante Pflegedienste Gelsenkirchen). Die Arbeitgeberinitiative führt ganz bewusst privatgewerbliche und freigemeinnützige Unternehmen der Pflege zusammen. Das Netzwerk sei politisch, finanziell und verbandlich unabhängig, es arbeite sektorenübergreifend und aus eigener Kraft. Ziel sei es, die unzureichenden Rahmenbedingungen für die Pflege im Ruhrgebiet zu verbessern. Christofczik: „Wir können Pflege und könnten noch viel mehr.“ Aus diesem Grunde richtete die Initiative einen Forderungskatalog an Bund, Land und Kommunen. Im Klartext ging es um eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung, die Korrektur innovationsbehindernder Landesgesetze und eine Harmonisierung der Rahmenbedingungen für die Pflege in den Kommunen.

BAGSO-Chef fordert Flächentarifvertrag für die Pflege

Klartext erwarteten die Konferenz-Initiatoren auch von Franz Müntefering, der es an deutlichen Worten in seinem Vortrag nicht fehlen ließ. Der SPD-Sozialexperte machte sich für einen flächendeckenden Tarifvertrag in der Pflege stark. Müntefering: „Es gehört schlichtweg abgeschafft, dass man in ein Pflegeheim kommt, in dem jede Pflegekraft einen anderen Arbeitsvertrag mit dem Geschäftsführer hat, und niemand weiß, was der andere verdient.“ Gleichzeitig begrüßte Müntefering die Idee einer „Ruhrgebietskonferenz Pflege“ und sagte den Forderungen Unterstützung durch die BAGSO zu, zum Beispiel durch Weiterleitung der Konzepte an die Regierungskommissionen  „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ und „Konzertierte Aktion Pflege“.

Ohne leistungsfähige Pflege kein Strukturwandel möglich

Die wissenschaftliche Anbindung der „Ruhrgebietskonferenz Pflege“ hat das Institut für Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen übernommen. In ihrem Vortrag „Knappe Ressource, keine Chance?“ stellte Michaela Evans, Direktorin des Forschungsschwerpunktes »Arbeit und Wandel«, aktuellstes Zahlenmaterial vor: „Gesundheit und Pflege sind die Gewinnerbranchen im Ruhrgebiet“, so die Wissenschaftlerin. Die Zahl der Beschäftigten habe 2018 um 2,8 Prozent zugelegt. Dieser Anteil sei höher als der von Beschäftigten im industriellen Kern und unternehmensnahen Dienstleistungen zusammen. Im Gesundheit- und Sozialwesen des Ruhrgebiets seien mehr als 104.000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze vor Ort entstanden. Michaela Evans: „Der Strukturwandel im Ruhrgebiet kann nicht ohne eine leistungsfähige Pflegewirtschaft bewältigt werden, die die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf sicherstellt.“ Schon heute trage jeder 11. Erwerbstätige Pflegeverantwortung, dabei steige insbesondere der Anteil der Männer. Das IAT begrüße die „Ruhrgebietskonferenz Pflege“. Sie biete die Chance, die strukturpolitische Relevanz der Altenpflege für das Ruhrgebiet sichtbar zu machen. Empfehlenswert sei in diesem Zusammenhang die Erstellung eines „Weißbuches“, das die führenden Köpfe, Innovationen und Innovationsgeschichten im Ruhrgebiet sichtbar mache.

Wohnen, Pflege und Technik zusammendenken

„Chancen für neue betriebliche Gestaltungspartnerschaften“ im Bereich der Wohnungswirtschaft stellte Prof. Dr. Torsten Bölting, EBZ Business School und Geschäftsführer der InWIS Forschung und Beratung, Bochum, vor. Er legte den Schwerpunkt auf das Zusammenspiel von Wohnen, Pflege und Technik. Um die wachsenden Ansprüche zukünftiger, anspruchsvoller Seniorengenerationen an altersgerechtes Wohnen im Ruhrgebiet zu erfüllen, sei eine Kooperation von Wohnungswirtschaft, ambulanter und stationärer Pflege bereits in der Konzeptionsphase der Immobilienprojekte erforderlich. Es gehe darum, eine möglichst breite Palette möglicher Wohnformen anbieten zu können, die Wohnen und Pflege passgenau im Quartier entwickeln. Ziel sei die Umsetzung angemessener Wohn-, Betreuungs- und Pflegekonzepte und das Angebot eines flexiblen Leistungsmix unter Einhaltung klarer und abgestimmter Standards für Leistung und Qualität.

Junge Pflege organisieren – Kirchen als Quartiersmittelpunkt

Nach der Mittagspause ging es unter dem Thema „Das können wir – das machen wir“ mit sogenannten „innovation pitches“ weiter. Sechs verschiedene Zukunftsprojekte aus Herne, Essen, Gelsenkirchen, Bottrop/Gladbeck/Dorsten, Bochum und Dortmund stellten sich vor. Im Bereich „Neue Wohn- und Versorgungsformen“ erläuterte Tobias Ahrens, Prokurist beim ASB-Regionalverband Herne-Gelsenkirchen, die Möglichkeiten lebenslanger Versorgung am Beispiel des Wohnbereichs „Junge Pflege“ im ASB-Begegnungs- und Pflegezentrum Herne-Mitte vor. Zum Thema „Quartiersentwicklung“ berichtete Thomas Schubert, Einrichtungsleiter des Seniorenzentrums Paulus-Quartier in Essen, vom gelungenen Umbau einer ehemaligen Kirche in Essen-Huttrop zu einem Quartiersmittelpunkt mit betreutem Wohnen, Begegnungsraum, Café und gemeinschaftlichem Garten.

„Gute Führung“ in der Pflege – Berufliche Orientierung geben

Im Schwerpunkt „Bildung“ erläuterte Claudius Hasenau, Geschäftsführer der APD Ambulante Pflegedienste Gelsenkirchen GmbH, wie Mitarbeiter des Pflegeunternehmens – begleitet durch erfahrene Unternehmensberater – Grundsätze für gute Pflege erarbeiteten. Diese innerbetriebliche „Verfassung“ wurde nicht nur in Buchform an alle Mitarbeitenden verteilt. Sie bildet die Grundlage der Zusammenarbeit und ist für die Führungskräfte des Familienunternehmens bindend. Wie Schulabgängern berufliche Orientierung geboten und zugleich ein Einstieg in die Pflege ermöglicht werden kann, zeigten Kerstin Schönlau und Diana Lange, Prokuristin und Einrichtungsleiterin beim Diakonischen Werk Bottrop/Gladbeck/Dorsten, am Beispiel des „Lifetime-Praktikums“ auf.

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