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In Würde sterben – auch im Altenheim

Im Zielkonflikt zwischen Autonomie und Pflegevorschrift: Palliativ-Netzwerk Herne, Wanne-Eickel, Castrop-Rauxel legt Leitfaden für Palliativversorgung und Hospizkultur in stationären Einrichtungen vor – Trägerübergreifender Arbeitskreis erarbeitet acht Leitsätze und 13 praxisnahe Tipps

Pflegeheime werden immer häufiger zu Sterbeorten. Nach einer Statistik des NRW-Gesundheitsministeriums versterben 30 Prozent der Bewohner innerhalb der ersten drei Monate nach Aufnahme, 60 Prozent innerhalb des ersten Jahres. „Die Palliativversorgung wird damit zu einer Kernaufgabe von Pflegeheimen“, sagt Karin Leutbecher, Vorstand des Palliativ-Netzwerkes Herne, Wanne-Eickel und Castrop-Rauxel. Um stationären Einrichtungen in der Region die Aufgabe zu erleichtern, Palliativversorgung und Hospizkultur in ihrer Versorgung zu verankern, hat die Arbeitsgruppe Heime des Netzwerkes einen Leitfaden für alle Mitarbeitenden entwickelt. Er ist ab sofort als Broschüre oder zum Download unter www.palliativ-netzwerk.de erhältlich.

„Ein Pflegeheim ist kein Hospiz, aber der hospizlich-palliative Gedanke ,Leben bis zuletzt‘ bei möglichst hoher Lebensqualität muss auch dort gelebt und umgesetzt werden“, sagt Karin Leutbecher. Alle Einrichtungen müssten sich den Aufgaben stellen, die Bedürfnisse schwerkranker und sterbender Menschen besonders in den Blick zu nehmen und ein umfassendes Begleitkonzept entwickeln. Eine Vielzahl von Heimen sei bereits auf einem guten Weg, andere jedoch suchten Unterstützung und Anregungen bei dieser herausfordernden Aufgabe. Mit dieser Veröffentlichung und der aktiven Arbeit der AG Heime nimmt das Palliativ-Netzwerk Herne, Wanne-Eickel, Castrop-Rauxel die Empfehlungen des NRW-Ministeriums für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter auf und reiht sich in diesen Prozess ein.

Alle Sichtweisen erfassen
Die Arbeitsgruppe Heime des Palliativ-Netzwerkes machte es sich zur Aufgabe, mit Hilfe eines Ratgebers zur Weiterentwicklung und Umsetzung zu motivieren. Moderiert wird das trägerübergreifende Gremium von Karin Leutbecher. Im Prozess der Entwicklung des Leitfadens übernahm Annegret Müller, Diplom-Fachfrau für geronto-psychiatrische Pflege und hauptamtliche Koordinatorin beim Allgemeinen Hospiz- und Palliativdienst Herne (AHPD) die fachliche und redaktionelle Zusammenführung aller Beiträge. Die fertige Broschüre bietet – frisch aus der Druckerpresse und in einer Auflage von 2.000 Exemplaren – auf 44 Seiten berufspraktische Grundlagen und Empfehlungen für eine Umsetzung von Palliativversorgung und Hospizkultur in stationären Einrichtungen. Erfasst werden nicht nur medizinische und pflegerische Aspekte, sondern auch psycho-soziale und spirituelle Erfordernisse an eine Begleitung am Ende des Lebens. Die in der AG vertretenen Leitungskräfte von Pflegeheimen aus Herne, Wanne-Eickel und Castrop-Rauxel, darunter AWO, DRK, ASB, Evangelisches Johanneswerk, St. Bonifatius-Stiftung und Ferdinand-Dienst-Haus, brachten praktische Tipps und Informationen zu verschiedenen Symptomen und Themen ein.

Auf die Haltung kommt es an
Dabei will der Leitfaden „kein fertiges Rezeptbuch“ sein. Jede Einrichtung müsse ihren individuellen Weg finden, um Palliativversorgung und Hospizkultur bei sich zu implementieren, ist der Arbeitskreis überzeugt. Es komme entscheidend darauf an, die richtige Haltung zu diesem Thema zu entwickeln. Alle Mitarbeitenden im Heim leisten dabei einen wertvollen Beitrag – die Führungsebene genauso wie die Reinigungskräfte. Ein konkretes Beispiel für einen Zielkonflikt zwischen der Autonomie und Lebensqualität mit den Vorschriften der stationären Pflege sei zum Beispiel die Dekubitusprophylaxe. Bewohner in der Sterbephase erleben das Umlagern oft als extrem belastend. Für Pflegekräfte jedoch ist Dekubitusprophylaxe Standard, ein Verzicht darauf bedeutet Pflegefehler. An einer solchen Stelle müssen Lösungswege vereinbart werden, zum Beispiel eine intensive Fallbesprechung mit den beteiligten Berufsgruppen und, falls möglich, auch mit dem Patienten oder seinen Angehörigen sowie eine detaillierte Dokumentation.

Voneinander lernen
Der Leitfaden „Palliativversorgung und Hospizkultur in Pflegeheimen“ ist nicht das einzige positive Ergebnis der Kooperation. „Der Arbeitskreis wird auch nach Veröffentlichung der Broschüre bestehen bleiben“, sagt Netzwerk-Vorstand Eun-Kyong Schippmann Die trägerübergreifende Zusammenarbeit habe zu großer Offenheit der Teilnehmer untereinander geführt. Immer häufiger sei das Treffen zur Fallbesprechung genutzt worden – zunächst kamen nur positive Fälle zur Sprache, später auch kritische. Eun-Kyong Schippmann: „Die AG ist zu einem Ort geworden, an dem die Teilnehmer gemeinsam voneinander lernen.“ Einige Träger hätten auf diese Weise das Palliativ-Netzwerk intensiv kennengelernt und sich daraufhin entschlossen, ebenfalls Mitglied zu werden.

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